Gastbeitrag von Anna Wilhelm
Seit so vielen Jahren schon kenne ich Malta, doch das kleine Dingli habe ich noch nie besucht. “Nun ja, gut ‘Dingli’ will Weile haben”, kalauerte mein Reisegefährte, als wir eines Morgens beschlossen, uns mit dem Bus bis in das winzigkleine Dorf Dingli, das oben auf den etwa 250 Meter hohen Steilfelsen an der Südwestküste des Eilands thront, zu begeben.
Vornehmer Herkunft ist der Name des abgelegenen Örtchens hoch oben auf den schroffen Felsen. Es ist benannt nach dem englischen Ritter Sir Thomas Dingli, der hier im 16. Jahrhundert verweilte. Wenig vornehm hingegen fühlen wir uns, als wir aus dem Bus aussteigen und das letzte Stück durch den etwas unter dreieinhalb Tausend Einwohnern zählenden Ort bis zu den “Dingli Cliffs” zu Fuß laufen.
Trittsicherheit vs. Reiserücktrittsversicherung
Während die Sonne auf uns herniederbrennt, hören wir fern die Brandung rauschen und lassen den Blick über das tiefblaue Meer streifen, auf dem unentwegt kleine weiße Schaumkronen aufblinken und wieder verschwinden. Dann haben wir die Steilkante des sich 250 über dem Meer erhebenden schroffen Felsplateaus erreicht. Minutenlang stehen wir da und schauen schweigend, vom Aufstieg schwer atmend aufs weite Meer. In der Ferne ragt ein Felsen aus dem blauen Ozean und im Reiseführer lesen wir, dass es sich dabei um das unbewohnte Inselchen Filfla handelt, das einst der britischen Royal Air Force als Zielübungsplatz diente. Nach Protesten stellte man das Zerstörungswerk ein und seitdem ist Filfla den auf ihr lebenden Vögeln überlassen. Im Reiseführer steht auch, dass sich unter uns ein Felsplateau befinden soll, auf dem Agrarwirtschaft betrieben wird. Ich frage mich, was da unten wohl angebaut wird und nähere mich gefährlich weit der Klippenkante. “Vorsicht, pass auf, dass du nicht zu weit zurücktrittst, dafür war unsere Reiserücktrittsversicherung nicht gedacht!”, kalauert mein Reisegefährte. “Doch!”, kalauere ich zurück, “wenn ich wegen meines Rücktritts da unten auf das Felsplateau purzele und wir die Reise abbrechen müssen, dann zahlt unsere Reiserücktrittsversicherung!” Da muss der Welt größter Sprücheklopfer sich ausnahmsweise einmal geschlagen geben.
Sonnenuntergang über Malta
Auf einem Felsabsatz etwas über uns erblicken wir eine kleine Kapelle und ein weiteres Gebäude. Mein Reisegefährte greift zu unserem schlauen Führer und erklärt mir – dieses Mal ganz ohne spitzfindige Bemerkungen -, dass es sich bei dem Gebäude um eine Radarstation handelt, die ehemals der Royal Air Force gehörte und heute von der maltesichen Flugsicherung genutzt wird. Dann schauen wir uns noch die seltsamen länglichen Rillen im felsigen Boden an, die hier überall zu finden sind. Man nennt sie Karrenspuren, weil sie aussehen wie von einem Karren in tiefem Matsch hinterlassene Rillen. Mich fasziniert, dass man bis heute über ihre Entstehung rätselt. Solchen Gedanken nachhängend, sitzen wir schließlich oben auf dem Felsen und sehen zu, wie die orangerote Sonne langsam im Mittelmeer versinkt.
Bild: Cruccone CC-BY-SA 3.0
Ähnliche Artikel:
